Service Selbsthilfe für Menschen mit Migrationshintergrund

Die interkulturelle Selbsthilfe will Menschen mit Migrationshintergrund zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung bei chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder Suchtproblemen ermutigen. Dazu macht sie unter anderem spezielle Angebote für Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen.

Auf einen Blick

  • Interkulturelle Selbsthilfe bietet verschiedene Möglichkeiten zur gesundheitlichen Selbsthilfe für Menschen mit Migrationshintergrund.
  • Die Angebote der interkulturellen Selbsthilfe sind kultursensibel. Sie beziehen die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund in ihre Arbeit ein.
  • So können sie auch Hilfe bei Sprachbarrieren oder bürokratischen Anliegen vermitteln.
  • Selbsthilfekontaktstellen unterstützen als professionelle Beratungseinrichtungen bei der Suche nach einer interkulturellen Selbsthilfegruppe, nach Online-Angeboten oder anderen Selbsthilfeangeboten.
Gesprächskreis mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.

Was ist interkulturelle Selbsthilfe?

Über ein Viertel der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Dazu zählen Menschen, wenn sie selbst, ihre Eltern oder ihre Großeltern aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind. In vielen Selbsthilfegruppen sind Menschen mit Migrationshintergrund kaum anzutreffen. Viele Menschen, die aus anderen Ländern und Kulturkreisen nach Deutschland kommen, kennen solche Angebote aus ihrer Heimat nicht. Sie haben aufgrund von Sprachbarrieren oder gesellschaftlichen Prägungen vielleicht Hemmungen, sich einer Gruppe anzuschließen. Verschiedene Initiativen der interkulturellen Selbsthilfe berücksichtigen das in ihren Angeboten. Um die Selbsthilfe bekannter zu machen, suchen sie sich Partner aus verschiedenen Kulturgruppen. Ziel ist es, Menschen mit Migrationshintergrund zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung bei chronischen gesundheitlichen Problemen und Behinderungen zu ermutigen. Man spricht daher auch von kultursensibler Selbsthilfe.

Die interkulturelle Selbsthilfe ermutigt Menschen mit Migrationshintergrund zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung bei chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder Suchtproblemen.

Interkulturelle Selbsthilfe kann auf verschiedene Arten stattfinden: In bestehenden Gruppen der Migrantinnen und Migranten selbst (beispielsweise in Kultur- oder Moscheevereinen), in Gruppen der etablierten Selbsthilfeverbände oder informell, beispielsweise als Nachbarschaftshilfe. Neben der Möglichkeit zum Austausch stehen Informations- und Beratungsangebote im Vordergrund. Es gibt Gruppen, in denen eine bestimmte Sprache gesprochen wird. Andere interkulturelle Gruppen werden bei Bedarf durch Dolmetschende unterstützt.

Was zeichnet interkulturelle Selbsthilfe aus?

Jede Kultur hat ihren eigenen Umgang mit den Themen Gesundheit und Krankheit. In manchen Kulturen wird Krankheit beispielsweise als ein von außen auferlegtes Schicksal verstanden. Auch redet man in einigen Kulturkreisen nicht mit Menschen außerhalb der Familie über Krankheiten. Der Austausch zu persönlichen Problemen oder Ängsten geschieht im Privaten. Da es in einigen Ländern keine organisierte Selbsthilfe wie in Deutschland gibt, kennen vielen Migrantinnen und Migranten die Abläufe, Rahmenbedingungen und den möglichen Nutzen von Selbsthilfe nicht.

Die interkulturelle Selbsthilfe setzt an diesen Punkten an. Um die Idee der Selbsthilfe bekannter zu machen, nehmen einzelne Verbände oder Selbsthilfegruppen Kontakt zu Kulturvereinen, Religionsgemeinschaften oder anderen migrantischen Treffpunkten auf und informieren über die Möglichkeiten der Selbsthilfe. Positive Erfahrungen von Menschen aus dem gleichen Kulturkreis können dazu beitragen, Selbsthilfeangebote bekannter zu machen.

Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sind verstärkt auf das Gesundheitssystem angewiesen. Das geht unter Umständen mit vielen bürokratischen Hürden einher, zum Beispiel wenn man bestimmte Leistungen bei der Krankenkasse beantragen will. Mit einem Migrationshintergrund können solche Hürden noch größer werden. Viele Selbsthilfekontaktstellen bieten daher mittlerweile Informationen und Hilfen für vielfältige Bereiche des deutschen Gesundheitssystems in der jeweiligen Landessprache an. 

Des Weiteren gibt es spezielle Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund, zum Beispiel interkulturelle Selbsthilfegruppen zu verschiedenen Themen. Dabei werden die Gewohnheiten und Bedürfnisse der jeweiligen Kulturkreise berücksichtigt. Beispielsweise wird darauf geachtet, wie über Erkrankungen, Schmerzen oder Trauer gesprochen wird.

Interkulturelle Selbsthilfe geht auf die Gewohnheiten und Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund ein.

Wie können Menschen mit Migrationshintergrund von einer Selbsthilfegruppe profitieren?

In Selbsthilfegruppen treffen sich Menschen mit ähnlichen gesundheitlichen Problemen oder in gleichen Lebenssituationen. In der Gruppe bekommen sie Unterstützung und praktische Tipps für den Alltag. Außerdem können sie sich mit anderen Betroffenen und deren Angehörigen vernetzen. Sie tauschen sich aus und machen die Erfahrung, mit ihren Problemen nicht allein zu sein. „Mit der Zeit haben wir dank der Selbsthilfegruppe verstanden, dass wir trotz allem, was uns passiert ist, weiterleben müssen”, berichtet beispielsweise Azra Tatarevic von ihrer Selbsthilfegruppe für bosnische Frauen mit Ängsten und Depressionen. „Es war der zweite gemeinsame Lebensfaden, der uns geholfen hat, wieder allen Mut zu sammeln”, schreibt Tatarevic im Jahrbuch 2017 der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG).

Der Nutzen von Selbsthilfegruppen ist mittlerweile auch wissenschaftlich belegt. Wie eine große Studie zur gesundheitsbezogenen Selbsthilfe in Deutschland zeigt, trägt die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe unter anderem dazu bei, mit der Erkrankung besser umgehen zu können.

Wie findet man interkulturelle Selbsthilfegruppen?

Selbsthilfegruppen von oder speziell für Menschen mit Migrationshintergrund sind immer noch eher selten. Am ehesten sind sie in größeren Städten zu finden. 

In Berlin gibt es beispielsweise eine Beratungs- und Kontaktstelle für Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung. MINA – Leben in Vielfalt e.V. unterstützt dabei unter anderem migrantische Familien mit chronisch kranken oder behinderten Kindern.

Selbsthilfekontaktstellen unterstützen als professionelle Beratungseinrichtungen bei der Suche nach einer interkulturellen Selbsthilfegruppe. Sie helfen auch dabei, neue Gruppen zu gründen. Wenn Sie also auf der Suche nach Austausch zu gesundheitlichen Problemen mit Menschen aus ihrem oder anderen Kulturkreisen sind, zögern Sie nicht, sich an diese Stellen zu wenden.

Die Adressen der Selbsthilfekontaktstellen finden Sie in der Datenbank der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (NAKOS).

Wo finde ich weitere Informationen?

Weitere Informationen zur Organisation der Selbsthilfe, zur Vertretung der Interessen von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen auf politischer Ebene sowie zur Unabhängigkeit der Selbsthilfe finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Thema Selbsthilfe.

Auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit gibt es in vielen Sprachen Informationen zu verschiedenen Gesundheitsthemen.

Geprüft durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe e.V. (BAG SELBSTHILFE).

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